Der Erprobungsraum „Junge Gemeinde Hilden“
Einen völlig neuen Weg schlägt die Schulstiftung mit der Unterstützung des Erprobungsraums „Junge Gemeinde Hilden“ am dortigen Schulzentrum ein. Sie finanziert das Projekt mit 5.000 Euro jährlich über fünf Jahre. Das bedeutet, für die Arbeit am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium (DBG) und an der Wilhelmine-Fliedner-Schule (WFS) werden insgesamt 25.000 Euro aus der Freien Rücklage der Stiftung gezahlt. Damit finanziert sie die Sachkosten für den Erprobungsraum an beiden Schulen. Das Projekt läuft zunächst bis zum Ende des Jahres 2028.
„Die Schulen in der Trägerschaft der Evangelischen Kirche im Rheinland sind lebensweltlich relevante Orte, Schnittstellen zur Gesellschaft und Keimzellen neuer Gemeindeformen im Sinne einer Mixed Ecology Church“, erläutert Dr. Sascha Flüchter, Leiter des Schuldezernats im Landeskirchenamt und Vorstandsmitglied der Schulstiftung. Der Erprobungsraum „Junge Gemeinde Hilden“ sei dafür ein besonderes Beispiel. Das Projekt biete Raum für Schülerinnen und Schüler, neue Formen von Gemeinschaft, Glaube und Kirche zu entdecken und zu gestalten. Darüber hinaus fügt er hinzu: „Wir können gespannt sein, was dort entsteht und was wir als Kirche dabei lernen können.“
Die Evangelische Kirchengemeinde Hilden hat die Stelle für eine Diakonin geschaffen, die von Verena Kipp wahrgenommen wird. Sie ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat eine 15-jährige Tochter sowie zwei Nichten, um die sie sich intensiv kümmert. Ihr berufliches Leben begann sie als Physiotherapeutin, entschied sich dann aber für die Ausbildung zur Diakonin. An Pfingsten feiert sie ihre Ordination. Auf ihren bisherigen Werdegang blickt sie dankbar zurück. Musisch begabt wuchs sie in der Jugendarbeit auf, bezeichnete die vielen Freizeiten, an denen sie teilnahm, als „coole Zeit“. In der Kirchengemeinde leitet sie den Kinderchor „Friedensspatzen“, organisiert Jahr für Jahr das Krippenspiel. „Ich habe viel Kraft aus meiner kirchlichen Einbindung gezogen“, resümiert sie.

Diakonin Verena Kipp sucht im Erprobungsraum „Junge Gemeinde Hilden“ zusammen mit Jugendlichen nach deren Weg zum Glauben.
Foto: Oliver Mast
Christliches Weltbild vermitteln
Verena Kipp hat im Februar 2024 mit der Arbeit begonnen. Etwa ein halbes Jahr war nötig, um sich in das Schulzentrum zu integrieren, die nötigen Gespräche mit Schulleitung und Lehrerkollegien zu führen. Nach den Sommerferien nahmen Schülerinnen und Schüler sie konkret wahr. Nun kann sie, quasi zur Halbzeit des Projekts, ihre Erfahrungen schildern. „Es geht darum, Kindern und Jugendlichen nahe zu bringen, was christliches Weltbild und ethisches Handeln bedeuten“, erläutert die Diakonin. „Das geht uns alle an, auch die Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens an den beiden Schulen und diejenigen, die atheistisch unterwegs sind“, betont sie. „Wir haben die gleichen Wurzeln.“ Jungen Leuten biete der Erprobungsraum die Chance, sich mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen, ihre Potentiale zu erkennen und Gemeinde als eine Gemeinschaft erleben, die für sie da sei.
Schülerinnen und Schülern, für die Schule nicht nur Lern- sondern auch Lebensraum ist, in dem sie den größten Teil ihrer Zeit verbringen, macht sie das Angebot, in einer neuen Art von Gemeinde ihren Platz zu finden. Dabei empfindet sie ihre interprofessionelle Arbeit, ohne dass sie fester Teil des Schulsystems ist, als Vorteil. Sie muss den Schülerinnen und Schülern keine Leistungen abverlangen oder Noten geben.
Brücke zur Kirchengemeinde
Angesichts ihres bisherigen Werdegangs erscheint es nur logisch, dass sich Verena Kipp mit viel Energie ihren Aufgaben im Erprobungsraum und in der Gemeinde widmet. Damit nimmt sie eine Brückenfunktion wahr. Beide sind miteinander verzahnt, zum Beispiel durch das Format „Worship“, das sie zusammen mit einer Schülerin ins Leben gerufen hat. Bereits zwei Mal entwickelten sie einen Gottesdienst, bei dem die Lieder im Vordergrund stehen.

Der Erprobungsraum bietet die Chance, neue Formen von Gemeinschaft zu finden
Foto: Verena Kipp
Das Projekt zieht Kreise
So zieht das Projekt Kreise auch außerhalb des Erprobungsraums, etwa durch die Gruppe „Lichtblick“. Fünf Mädchen und ein Junge im Alter zwischen 15 und 19 Jahren treffen sich am Wochenende außerhalb des Schulgebäudes. „Es ist ihr Wunsch, sich mit theologischen Themen zu beschäftigen, ohne den Druck zu haben, etwas leisten oder wissen zu müssen“, erklärt Verena Kipp. In diesem Jahr wollen sie sich mit der Schöpfung beschäftigen. „Ob sich daraus ein Gottesdienst, oder eine Präsentation ergibt, ist noch vollkommen offen, das wird die Gruppe entscheiden“, meint sie.
Eine Autoren-Gruppe aus sechs Mädchen im Alter von zwölf bis 19 Jahren aus beiden Schulen trifft sich regelmäßig freitags nach der Schule im Haus B und schreibt Texte für das Krippenspiel in der Friedenskirche. Die Schülerinnen und Schüler spielen zum Teil mit, oder führen Regie. Darüber hinaus findet stetig ein theologischer Austausch über die Hintergründe der handelnden Personen statt. Die Jugendlichen entscheiden selbst, welche Hauptfiguren im Fokus stehen. „Es ist spannend, wie sich die Jugendlichen mit dem Thema Geburt Jesu und deren theologische Bedeutung beschäftigen“, lautet die Erfahrung.
Jungen Leuten zu vermitteln, wie Gemeinde funktioniert, beschreibt Verena Kipp als eines der Ziele des Projekts. Der Gottesdienst, für den sich Jugendliche kaum interessierten, sei nur ein Teil des Gemeindelebens. „Es gibt so viele andere Bereiche, in denen sie sich einbringen können. So entwickelt sie mit den Schülerinnen und Schülern Ideen und arbeitet mit ihnen konkret an deren finanzieller Umsetzung. Dafür müssen auch Mittel von ihnen generiert werden. Was sie erkennen sollen: „Glauben ist sexy“.

Schülerinnen des Schulzentrums Hilden häkeln „Glückswürmchen“ für das Gemeindefest der Kirchengemeinde.
Foto: Verena Kipp
Barrieren überwinden
Sie hat sich vorgenommen, die imaginären Mauern, die sie zwischen dem Gymnasium und der Gesamtschule immer noch wahrnimmt, einzureißen. „Es gibt einen Kampus, eine Mensa, eine Sporthalle und eine Bushaltestelle und trotzdem trennen unsichtbare Barrieren die beiden Schulen. Sie zu überwinden stelle eine große Herausforderung dar. „Das ist schwieriger, als ich es mir vorgestellt habe“, bekennt sie. Darum arbeitet sie vor allem daran, das Selbstbewusstsein der jungen Leute, die nicht das Gymnasium besuchen, zu stärken.
Die Haltung beider Schulleitungen zum Erprobungsraum „Junge Gemeinde Hilden“ nimmt Verena Kipp als „sehr wohlwollend und engagiert“ wahr. Mit den Lehrern wünscht sie sich jedoch eine intensivere Zusammenarbeit. Dann ließen sich Projekte, die von den Jugendlichen entwickelt werden, besser in den schulischen Ablauf integrieren.
Marion Unger
